Fallbeispiel: Unternehmerfamilie S.

Im Erstgespräch berichtet Frau S. aus H., seit längerer Zeit „liefe gar nichts mehr”. Ihre 4 Kinder (zwischen 3 und 12 Jahre alt) zeigen allesamt psychische Auffälligkeiten: Einnässen, Schlafstörungen, Schulprobleme, emotionale Abstürze. Sie selber sei mit ihrem 18-Stunden-Tag vollkommen überlastet. Ein Paar- oder Eheleben finde nicht mehr statt. Der Ehemann habe nur noch die Firma im Kopf und trage dies wie ein großes Schild vor sich her. Wenn die Kinder ihn beim Essen etwas fragen, antworte er stereotyp ohne echten Bezug. Wenn dies so weitergehe, klappten sowohl die Kinder als auch sie zusammen. Die Familie und die Ehe stünden vor dem aus.

Ihr Ziel sei es, einerseits mit den Belastungen besser umzugehen und wieder auftanken zu können. Für beides brauche sie ihren Mann, der aber vollständig von dem Familienbetrieb absorbiert sei. Nach dem Tod seines Vaters (Unternehmensgründer) vor 2 Jahren führe er den Betrieb alleine weiter. Seitdem gehe es mit der Familie und dem Betrieb stetig bergab. Sie habe da ihre Vermutungen, aber so richtig sei sie über das Familienunternehmen nicht eingeweiht. Ihr Mann grüble ständig, spreche aber nicht über seine Probleme. Vielleicht wolle er sie dadurch schützen, auf der anderen Seite gebe es in ihrem Alltag kaum Zeit für gemeinsame Gespräche.

Unser erster Schritt ist, den Ehemann zu einem gemeinsamen Gespräch zu gewinnen, um

  1. seine Sicht zu der Problematik kennen zu lernen,
  2. die gegenwärtige Situation des Betriebes zu verstehen,
  3. sich gemeinsam über die Schwere und Intensität der aktuellen Krise auszutauschen.

Das Ehepaar erscheint gemeinsam zum folgenden Gesprächstermin.

Herr S. bestätigt in seiner Bewertung der aktuellen Situation sowohl die inhaltlichen Ausführungen seiner Frau als auch die bedrohlichen Auswirkungen auf die Familie und den Betrieb. Die gegenwärtige Situation des Unternehmens bezeichnet er als desolat: wenn es so weitergehe, sei eine Liquidation nicht abzuwenden.
Er habe alle erforderlichen Umstrukturierungs- und Einsparmaßnahmen ergriffen, so dass er den Betrieb nun mit einem Minimum an Personal und bürokratischen Aufwand bewältige. Um das Nischen-Unternehmen mit schwarzen Zahlen zu führen, brauche er jedoch eine finanzielle Entlastung, die der Höhe der Mieten für das Wohnhaus und den Betrieb entsprechen. So sei es auch mit dem Vater abgemacht gewesen und bereits zur Unterschrift beim Notar vorgelegt worden.

Dann sei der Vater plötzlich und unerwartet verstorben. Die Mutter als Alleinerbin (Berliner Testament) wollte eigentlich dem Willen ihres Mannes entsprechen, einerseits aus Loyalität und andererseits, da sie nicht viel von der Materie verstand. Der Gründer hatte die Firma zusammen mit dem Sohn geführt und mit seiner Frau so gut wie nie über die betriebliche Themen gesprochen.

Nach dem Tod des Firmengründers meldete nun jedoch die Tochter (Schwester von Herrn S.) ihre Ansprüche sehr vehement an, so dass die Erbin (Mutter) in ihrer Not von der angedachten Lösung abwich und stattdessen mit ihrem Anwalt eine nur auf ihre Sicherheitsaspekte orientierte Lösung entwickelte. In der Folge kam es in der Familie zwischen Herrn S. und seiner Schwester zu einer dauerhaften Beziehungsstörung und die Beziehung zwischen Mutter und Tochter brach vollkommen ab.

Pro Jahr hat die Mutter nun Einnahmen von ca. 100.000 €, während die Firma jährlich 25.000 € Verlust macht. Mittlerweile ist dadurch der Dispositionsrahmen voll ausgeschöpft und die Schulden steigen expotentiell entsprechend der hohen Zinsen. Wenn überhaupt nichts mehr geht, stopft die Mutter die akuten Löcher mit entsprechenden „Almosenbeträgen”.

Für Herrn S. als Unternehmer ergeben sich 3 Möglichkeiten zum Umgang mit dieser Situation:

  1. Weiter so - mit der hohen Wahrscheinlichkeit in absehbarer Zeit Konkurs machen zu müssen.
  2. Sofort den Laden dicht machen und sich eine andere Tätigkeit suchen (im Alter von 50 Jahren ein heikles Unterfangen).
  3. die Mutter gewinnen, um eine nachhaltige Lösung im Sinne des Vaters zu entwickeln.

Ehepaar S. favorisiert die 3. Option, wobei sie zunächst keine Idee haben, wie die Mutter dazu zu gewinnen sei. Nach wie vor kümmere sie sich nicht um das Geschäft. Wichtig sei ihr lediglich ihre finanzielle Sicherheit, allerdings scheine sie die Bedeutung der wirtschaftlichen Situation im Familienbetrieb, der diese finanzielle Sicherheit ja letztendlich gewährleistet, nicht zu sehen. Es gebe keine hohe Identifikation mit dem Betrieb; Hauptsache die Miete werde bezahlt.

Als hauptsächliche Gründe für die Mutter, an Ihrer Strategie festzuhalten, vermuten Frau und Herr S. Folgendes:Die Mutter wolle Stress mit der Tochter vermeiden Durch die wirtschaftliche Abhängigkeit ihres Sohnes wolle sie sicherstellen, dass er sich im Alter um sie kümmere (im Sinne einer Gegenleistung). Gerade hinsichtlich der Betreuung im Alter scheine die Mutter von Herrn S. große Ängste zu haben - dabei würde ein Konkurs der Firma die Familie S. möglicherweise zu enormen Veränderungen bis hin zum Umzug zwingen und damit dem Anliegen der Mutter entgegenstehen. Gleichzeitig wird zunehmend deutlich, dass die Mutter unter den familiären Spannungen leidet und sich sehr stark eine friedliche Einigung in der Familie wünscht.

Hier ergibt sich ein Ansatzpunkt für eine mögliche Lösung, als Methode erscheint die Mediation erfolgversprechend. Nach ausführlicher Information über die Methode der Mediation können die Eheleute S. die Mutter zu einer Zusammenarbeit bewegen. In einem Vorgespräch mit der Mutter und ihrem Steuerberater (als Vertrauten) stellen wir ihr Ablauf und Möglichkeiten der Mediation vor und es gelingt, einen Kontrakt herzustellen. Dabei entscheidet die Mutter sich für ein Setting mit ihren beiden Kindern (Herrn S. und seiner Schwester), die jeweils durch ihre/n Partner/in unterstützt werden, während sie selber ihren Steuerberater als Unterstützung dabeihaben möchte. Um Gleichheit unter den Parteien herzustellen, wird die Schwester mit ihrem Mann zu einem Vorgespräch eingeladen; beide lassen auf die Mediation ein.

Nach etwa 2 Monaten führen die gemeinsamen Gespräche zu einem Kontrakt, der einen Interessensausgleich innerhalb der Familie (unter Berücksichtigung der Bedürfnisse aller Beteiligten) herbeiführen sowie eine verbindliche zukunftsträchtige Perspektive für die Mutter entwickeln soll.

Die erarbeitete Familienstrategie beinhaltet die ursprünglich mit dem Gründer vereinbarte Regelung über die Sicherstellung des Familienbetriebes. Im Gegenzug treffen Mutter und Sohn Absprachen über Möglichkeiten, Art und Umfang einer Betreuung im Alter. Die Interessen der Schwester werden durch die Überschreibung einer Immobilie und die symbolische Beteiligung am Familienbetrieb (1%ige Gewinnbeteiligung) gewahrt. Es werden halbjährig stattfindende Familientreffen vereinbart, für deren Organisation ebenfalls die Schwester Verantwortung übernimmt.

Erst durch die Identifizierung und Berücksichtigung aller, auch der nicht finanziellen, Bedürfnisse kann eine Situation geschaffen werden, die von den Beteiligten als „ausgeglichen”, zufriedenstellend und fair empfunden wird!

zurück | weiter